Kindermedizin und Pädiatrie
Die Kinder- und Jugendmedizin begleitet Menschen von der Geburt bis ins Jugendalter. Ein Überblick über Fachgebiet, Vorsorge, Spezialisierungen und Versorgung.
Von Redaktion Public Health kompakt · Aktualisiert

Die Pädiatrie, im Deutschen meist Kinder- und Jugendmedizin genannt, befasst sich mit der Gesundheit von Menschen von der Geburt bis zum Ende des Jugendalters. Sie umfasst die Vorbeugung, Erkennung und Behandlung von Erkrankungen ebenso wie die Begleitung der körperlichen, geistigen und sozialen Entwicklung.
Ein Grundsatz des Fachs lautet, dass Kinder keine kleinen Erwachsenen sind. Ihr Körper befindet sich in ständiger Entwicklung, Organe reifen, Stoffwechsel und Immunsystem verändern sich. Krankheiten zeigen sich anders, Medikamente wirken teils anders, und die Kommunikation muss dem Entwicklungsstand angepasst sein. Zugleich sind Eltern und andere Bezugspersonen fast immer Teil der Behandlung.
Aufgaben und Besonderheiten des Fachgebiets
Das Spektrum der Kinder- und Jugendmedizin reicht von häufigen Infekten über chronische Erkrankungen wie Asthma, Diabetes Typ 1 oder Epilepsie bis zu seltenen angeborenen Erkrankungen. Ein großer Teil der Arbeit ist präventiv: Vorsorgeuntersuchungen, Impfungen und die Beratung zu Ernährung, Unfallverhütung und Entwicklung.
Einige Besonderheiten prägen den Alltag:
- Entwicklungsbezug: Normwerte für Größe, Gewicht, Blutdruck oder Laborwerte ändern sich mit dem Alter. Befunde werden daher anhand alters- und geschlechtsspezifischer Referenzen beurteilt.
- Arzneimittel: Dosierungen werden in der Regel nach Körpergewicht oder Körperoberfläche berechnet. Für viele Wirkstoffe liegen weniger Studien an Kindern vor als an Erwachsenen.
- Kommunikation: Säuglinge können Beschwerden nicht beschreiben, Kleinkinder nur eingeschränkt. Beobachtungen der Eltern sind deshalb wichtig.
- Rechte und Schutz: Dazu gehören die altersgerechte Beteiligung an Entscheidungen und der Kinderschutz bei Hinweisen auf Vernachlässigung oder Misshandlung.
Früherkennungsuntersuchungen und Impfungen
In Deutschland haben Kinder Anspruch auf eine Reihe von Früherkennungsuntersuchungen, die als U-Untersuchungen bekannt sind. Sie beginnen mit der U1 direkt nach der Geburt und reichen bis zur U9 im Vorschulalter. Im Jugendalter folgt die J1. Die Inhalte sind in der Kinder-Richtlinie des Gemeinsamen Bundesausschusses (G-BA) festgelegt. Ergänzend gehören das Neugeborenen-Screening auf angeborene Stoffwechsel- und Hormonstörungen sowie Hörscreening und weitere Untersuchungen zum Standard.
| Untersuchung | Zeitraum | Schwerpunkte |
|---|---|---|
| U1–U3 | erste Lebenswochen | Anpassung nach der Geburt, Fehlbildungen, Screenings |
| U4–U7a | Säuglings- und Kleinkindalter | Wachstum, Motorik, Sprache, Sehen |
| U8–U9 | Vorschulalter | Entwicklung, Verhalten, Schulfähigkeit |
| J1 | Jugendalter | Pubertät, Impfstatus, psychosoziale Gesundheit |
Impfungen sind ein zentrales Element der Kindermedizin. Die Ständige Impfkommission (STIKO) am Robert Koch-Institut veröffentlicht einen regelmäßig aktualisierten Impfkalender mit empfohlenen Impfungen und Zeitpunkten. Kinderärztinnen und Kinderärzte prüfen den Impfstatus bei Vorsorgeuntersuchungen und beraten Familien dazu.
Weiterbildung und Spezialisierungen
Die Facharztbezeichnung für Kinder- und Jugendmedizin wird nach einer mehrjährigen Weiterbildung im Anschluss an das Medizinstudium erworben. Die Inhalte regeln die Weiterbildungsordnungen der Landesärztekammern auf Grundlage der Muster-Weiterbildungsordnung der Bundesärztekammer.
Darauf aufbauend gibt es Schwerpunkte und Zusatzqualifikationen, unter anderem Neonatologie (Früh- und Neugeborenenmedizin), Kinderkardiologie, Neuropädiatrie, Kinder-Hämatologie und -Onkologie, Kinder-Gastroenterologie, Kinder-Pneumologie, Kinder-Endokrinologie und -Diabetologie sowie Kinder-Nephrologie. Eng verwandt, aber eigenständige Fachgebiete sind die Kinderchirurgie und die Kinder- und Jugendpsychiatrie und -psychotherapie.
Versorgungsstrukturen
Die meisten Kinder werden ambulant in kinder- und jugendärztlichen Praxen betreut, in manchen Regionen auch hausärztlich. Für stationäre Behandlungen gibt es Kinderkliniken und Kinderabteilungen an Krankenhäusern, für Früh- und Neugeborene spezialisierte Perinatalzentren. Sozialpädiatrische Zentren (SPZ) betreuen Kinder mit Entwicklungsstörungen, Behinderungen oder chronischen Erkrankungen interdisziplinär, also mit Fachleuten aus Medizin, Psychologie und Therapieberufen.
Aus Sicht von Public Health spielt außerdem der öffentliche Gesundheitsdienst eine Rolle, etwa mit Schuleingangsuntersuchungen und dem Kinder- und Jugendgesundheitsdienst der Gesundheitsämter. Daten aus Studien wie der KiGGS-Studie des Robert Koch-Instituts liefern Erkenntnisse über die Gesundheit von Kindern und Jugendlichen in Deutschland. Auch Themen wie Übergewicht, psychische Gesundheit, Mediennutzung und soziale Ungleichheit bei Gesundheitschancen gehören zum Arbeitsfeld der Kinder- und Jugendgesundheit. Diskutiert werden regelmäßig Engpässe in der Versorgung, etwa bei Klinikbetten in Infektwellen oder bei der Nachbesetzung von Praxen.
Wann sofort Hilfe nötig ist
Bei Atemnot, Bewusstseinsstörungen, einem Krampfanfall, Anzeichen einer schweren allergischen Reaktion, hohem Fieber bei Säuglingen in den ersten Lebensmonaten oder nach einem Unfall mit Verletzungen sollte umgehend der Notruf 112 gewählt werden. Bei Vergiftungsverdacht helfen die Giftinformationszentren weiter. Außerhalb der Praxiszeiten ist der ärztliche Bereitschaftsdienst unter der Rufnummer 116 117 erreichbar.
Zeitplan
Früherkennungsuntersuchungen für Kinder (U1 bis J1)
Die Termine sind im gelben Kinderuntersuchungsheft eingetragen und für gesetzlich Versicherte kostenfrei.
- U1 bis U3Geburt bis 5. Lebenswoche
U1 direkt nach der Geburt, U2 am 3. bis 10. Lebenstag, U3 in der 4. bis 5. Lebenswoche. - U4 bis U63. bis 12. Lebensmonat
U4 im 3. bis 4. Monat, U5 im 6. bis 7. Monat, U6 im 10. bis 12. Monat. - U7 und U7a21. bis 36. Lebensmonat
U7 im 21. bis 24. Monat, U7a im 34. bis 36. Monat. - U8 und U946. bis 64. Lebensmonat
U8 im 46. bis 48. Monat, U9 im 60. bis 64. Monat – vor dem Schulstart. - J112 bis 14 Jahre
Jugendgesundheitsuntersuchung.
Häufige Fragen
Bis zu welchem Alter ist die Kinder- und Jugendmedizin zuständig?
In der Regel bis zum Ende des Jugendalters, also etwa bis zum 18. Geburtstag. Bei chronischen Erkrankungen wird der Übergang in die Erwachsenenmedizin oft gezielt vorbereitet; dieser Prozess wird als Transition bezeichnet.
Sind die U-Untersuchungen verpflichtend?
Die Untersuchungen sind eine Leistung der gesetzlichen Krankenkassen. Die Regelungen zur Teilnahme unterscheiden sich nach Bundesland: Einige Länder haben verbindliche Einlade- und Meldeverfahren oder eine Teilnahmepflicht eingeführt.
Was unterscheidet Kinderchirurgie von Kinder- und Jugendmedizin?
Die Kinderchirurgie ist ein eigenständiges chirurgisches Fachgebiet, das operative Eingriffe bei Kindern durchführt. Die Kinder- und Jugendmedizin behandelt überwiegend konservativ.
Quellen
- Gemeinsamer Bundesausschuss (G-BA): Kinder-Richtlinie zur Früherkennung von Krankheiten bei Kindern
- Ständige Impfkommission (STIKO) am Robert Koch-Institut: Impfempfehlungen
- Deutsche Gesellschaft für Kinder- und Jugendmedizin (DGKJ)
- Bundesärztekammer: (Muster-)Weiterbildungsordnung
Dieser Artikel fasst Wissen allgemein verständlich zusammen und kann eine individuelle Beratung nicht ersetzen.